• gerdnormann

kleinkunst!


Ein Begriff, der mich seit längerem ziemlich nervt, ist der Begriff „Kleinkunst“. Viele, die den Begriff benutzen, ob „Kleinkünstler“ selbst oder Journalisten, die über „Kleinkunst“ schreiben, scheinen nicht zu wissen, wo der Begriff herkommt. Obwohl ein Blick in die Wikipedia reichen würde. Da steht folgendes: Ursprünglich wurde mit Kleinkunst ein kleines künstlerisches Werk sowie um 1860 das Kunsthandwerk als solches bezeichnet, heute steht der Begriff seit den 1920er Jahren für häufig auch kabarettistische Bühnendarstellungen und andere Darbietungen im kleineren Rahmen.

„Im kleineren Rahmen“. Das bedeutet, dass der Begriff „Kleinkunst“ keine künstlerische Wertung beinhaltet, sondern auf die begrenzten örtlichen Begebenheiten anspielt. Heute umweht den Begriff jedoch immer eine gewisse Herablassung. Ein Kleinkünstler macht keine große Kunst, sondern irgendwas „Kleines“! Das hört sich eher an, als handele es sich um die Ausscheidung eines gerade auf die Welt gekommenen Hundewelpen. Feuilletonisten nutzen den Begriff gerne, wenn sie mit offensichtlicher Hochkulturattitüde über Kabarettisten, Comedians oder als komisch gedachte Fernsehformate herziehen, was nicht selten durchaus berechtigt ist, weil es nicht gut ist. Das passiert zwar bei der „Großkunst“ auch, aber da gibt es keinen so knackig abwertenden Begriff.

Also trägt der „Kleinkünstler“ durchaus auch selbst die Verantwortung dafür, dass der Begriff wertend eingesetzt wird. Da es keine richtigen Zulassungsbeschränkungen gibt, tummelt sich natürlich auch viel Mittelmaß auf den Bühnen. Wenn jemand mal gerade 5 Witze erzählen kann und dann von irgendeiner Agentur als „Kleinkünstler“ in die Medien geschoben wird, kann das nur nach hinten losgehen und würdigt diejenigen herab, die mit Herzblut, Kreativität und handwerklichem Können ihre Kunst abseits des schnellen Witzes betreiben. Ich kenne Agenturen, die „Kleinkünstler“ vermitteln und davon sprechen, dass es sich ja „nur“ um „Kleinkunst“ handelt. Sie versenken sich damit selbst in der Minderwertigkeit. Auch Kulturveranstalter unterstützen die Verniedlichung dieser Bühnenkunst, indem sie „Kleinkunstpreise“ erschaffen, wie die „Heiligenhafener Lachmöwe“, den „Wilhelmshavener Knurrhahn“, den „Rhadener Spargel“, die „Tuttlinger Krähe“ oder den „Gaul von Niedersachsen“! Wenn wir ehrlich sein wollen, unterscheidet sich das nicht wesentlich von dem Niveau eines Friseurs, der seinen Salon „Haarmonie“ oder „Kaiserschnitt“ nennt. Auch Veranstalter, die sich nur danach richten, was ihnen vom Fernsehen vorgekaut wird, tragen zur Trivialität und Eindimensionalität bei.


Ich plädiere dafür, den Begriff „Kleinkunst“ einfach zu streichen. Er ist nicht nur falsch, sondern macht zudem eine Kategorisierung auf, wo gar keine ist. Unter die „Kleinkunst“ fallen laut Wikipedia 17 unterschiedliche Genres, wobei die Aufzählung mit „usw.“ endet. Es gibt ihn nicht, den speziellen „Kleinkünstler“. „Undsoweiter“ ist auch ein Begriff, den ich sehr liebe. Das heißt, dass theoretisch auch der Straßenmusiker in der S-Bahn oder Opa`s Gute-Nacht-Geschichte dazugehört. Oder auch die Oper, wenn sie in kleinerem Rahmen stattfindet oder einfach schlecht besucht ist, was ja auch immer häufiger vorkommen soll. Da es aber nur große Opernhäuser gibt, fällt die Oper natürlich unter die große Kunst, also die „Großkunst“! Und „Groß“ bedeutet vor allen Dingen ein großes Ensemble und einen großen Etat … was dann auch zu einem hohen Niveau führen soll. Was ich hiermit dann mal bezweifele. Ich kenne mich im Genre der Oper nicht aus, vermute aber, dass mein Desinteresse daran liegt, dass sie seit Jahrhunderten die gleichen Werke und Texte spielen … und das in einer Art und Weise, die nur noch Liebhaber oder Hörgeschädigte zufriedenstellt. Diesen kleinen Seitenhieb soll man mir bitte mal verzeihen. Wobei ich zugebe, dass es durchaus zeitgenössische Interpretationen gibt, die ein sehr, sehr hohes Niveau haben …, einige davon habe ich mir sogar angeschaut.

Jetzt aber zurück zu der „Kleinkunst“. Es gibt durchaus „Kleinkünstler“, die einen höheren Unterhaltungswert haben als jede Oper. Und es gibt „Kleinkünstler“, die den Unterhaltungswert einer muffigen Socke haben. Es wäre unfair, beide in einen Topf zu werfen. Der eine arbeitet professionell, der andere weniger. Ich halte auch nichts von diesen festen Genrekategorisierungen wie Kabarett, Chanson oder Puppenspiel. Viele Künstler nutzen mittlerweile eine Menge unterschiedlicher Ausdrucksformen, um einen abwechslungsreichen und unterhaltsamen Abend auf die Bühne zu zaubern. Sicher gibt es Publikum, welches nur zu politischem Kabarett geht und solches, das nur Poetry-Slam goutiert. Der Unterschied ist in erster Linie der Eintrittspreis und das Alter des Publikums, denn das, was da manchmal auf der Bühne geschieht, passt durchaus in beide Genres. Ein Veranstalter, der nur auf politisches Kabarett oder nur auf Poetry Slam setzt, verzichtet damit sehenden Auges auf eine Menge Publikum.

Was alle Bühnen- und Vortragskünstler eint, ist der Wille, mit der ihm eigenen Idee von Kunst sein Publikum gut zu unterhalten. Und das sollte auch in einen wertfreien Sammelbegriff einfließen. Deshalb plädiere ich dafür, anstatt „Kleinkunst“ den Begriff „Unterhaltungskunst“ einzusetzen. Ob das in kleinem oder großem Rahmen stattfindet, ist damit obsolet. Und wenn die Qualität stimmt, wird es dafür auch ein Publikum geben, das überrascht sein wird, was es noch so alles gibt und sich kopfschüttelnd erkundigt, weshalb das Fernsehen so etwas nicht zeigt.

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