• gerdnormann

Die Büchse der Corona

Endlich die erhoffte Lockerung – wir dürfen wieder zum Friseur. Was machen jetzt diejenigen mit Glatze? Lassen sich Nazis die Haare wachsen, um mal wieder unters frisch gefönte deutsche Volk zu kommen? Aber wahrscheinlich gibt es auch reine Nazifriseure, wo die sich jetzt alle zum Polieren treffen. Na ja, war ja nur son Gedanke. Manche Gedanken sollte man einfach mal für sich behalten, manche nicht. Ich bin Geheimnisträger. Also nicht direkt Geheimnisträger, aber ich weiß etwas, das nicht jeder weiß. Ich arbeite während des frisch frisierten und gelockten Shutdowns unterschiedlicher Intensität, also jetzt seit fast einem Jahr, in einem Einzelhandelsgeschäft … in einem geöffneten Einzelhandelsgeschäft. Egal, was die Regierung da beschließt, wir verkaufen weiter. Wir verkaufen Schuhe … ne, Sorry, Brillen. Schuhläden müssen geschlossen sein, Brillenläden dürfen öffnen. Obwohl ein Schuh länger und breiter als eine Brille ist und somit einen größeren Abstand zum nächsten Nachbar sichert … wenn auch keine 1,50m. Der Unterschied ist … der Optiker ist systemrelevant, der Schuhladen nicht. Ach, ne, das stimmt gar nicht. Der Optiker ist gar nicht systemrelevant. Wäre es aber gerne. Er ist als Gesundheitshandwerk eingestuft. Der Corona-Beschluss der Regierungschefs vom Dezember 2020 sieht die Optiker ausdrücklich als Ausnahme. Wie ZVA-Präsident Thomas Tuckenbrod ausdrücklich betonte „ein Ergebnis intensiver Interessenvertretung!“ Also Lobbyarbeit. Branchen mit guter Lobbyarbeit dürfen also öffnen, die anderen nicht.

Wir Optiker verkaufen nicht nur Brillen, wir passen sie an, messen die Augen aus … und müssen dabei regelmäßig etwa auf eine Entfernung von 3 cm an den Kunden heran oder auch noch näher. Unser Hygienekonzept sieht vor, dass sich nicht mehr als 2 Kunden im Geschäft aufhalten, sie sollen eine Maske tragen, die sie bei der Augenmessung absetzen müssen, da sonst die vorgeschalteten Gläser beschlagen. Sie müssen sich, bevor sie Fassungen anfassen, vorher die Hände desinfizieren. Zwischendurch wird gelüftet. Manchmal sind aber auch mehr Menschen im Geschäft, weil plötzlich ein gestresster Paketbote hineinstürzt oder einer der das Schild nicht gelesen hat oder einer der immer mal gerne kurz reinschaut. Durchschnittlich betreten etwa 20 Leute täglich unser Geschäft. Das macht bei 260 Arbeitstagen im Jahr 5200 Kunden. Niemand hat sich bei uns mit Corona infiziert, auch nicht meine Kollegin und ich, die wir diese ganzen Kunden ja bedient haben. Da taucht natürlich die Frage auf, weshalb ein Schuhladen, der die identischen Sicherheits- und Hygieneregeln befolgt wie ein Optiker, seinen Laden nicht öffnen darf. Oder ein Restaurant … oder ein Kino … oder ein Theater … oder ein Museum. „Weil man irgendwo ja die Grenze ziehen muss“ werden die PolitikerInnen sagen. Das ist gar nicht so falsch, aber es sieht aus, als würde die Grenze von Lobbyisten gezogen und von den langsamen Faxgeräten in den Gesundheitsämtern.

Die, die eigentlich diese Grenzen ziehen müssten sind unsere Politiker, doch die torkeln durch die Pandemie wie Klein-Erna durch ihren ersten Kaufladen. „Was ist das denn? Das legen wir mal dahin. Oh, das geht nicht. Da liegt schon was! Ach, dann nehmen wir was anderes!“ Man traut sich ja schon gar nicht mehr, die ganzen desaströsen Entscheidungen aufzuzählen. Das Gesundheitsministerium hat momentan 58 Klagen am Hals wegen der Maskenbeschaffung im Frühjahr. Und dann gings erst richtig los.

So, jetzt wollte ich eigentlich die ganzen Unzulänglichkeiten und das endlose Hin und Her aufzählen, aber leider wird mir schlecht, wenn ich nur daran denke. Und dann passiert etwas, das mir die Entscheidung abnimmt. Die Regierung hat mir einen Brief geschrieben. Er wird gerade von einem berittenen Boten des Gesundheitsamts Wiedenbrück (Wieso Wiedenbrück? Egal, nachfragen zieht nur noch mehr Fragen nach sich) hereingereicht. Er trägt Reitstiefel aus dem 17. Jahrhundert. Nicht nachfragen, sage ich mir. Ich öffne den Brief. Er beginnt mit einer Aussage, die mich etwas überrascht „die Corona-Pandemie schränkt unser aller Alltag ein“. Aha. Und er endet mit „bleiben Sie gesund!“ Dazwischen steht geschrieben, dass die Bundesregierung beschlossen hat, mir 15 Schutzmasken mit hoher Schutzwirkung gegen eine geringe Eigenbeteiligung (nicht gegen Corona?) zur Verfügung zu stellen. Und daneben liegen 2 Berechtigungsscheine für jeweils 6 Masken. Ich zähle nach und komme auf 12. Da fehlen drei. Und lese, dass ich die fehlenden drei kostenlos bis zum 6.1.21 bei meiner Apotheke abholen konnte. Oh, das hab ich nicht gemacht … weil ich gar nichts davon wusste … wieso wurde mir das nicht per berittenem Boten schriftlich mitgeteilt? Der 6.1. ist ja schon vorbei. Wahrscheinlich hat sich der Bote verritten. Also bekomme ich die jetzt nicht mehr kostenlos. Das heißt, ich krieg nur noch zwölf. Ein ganzes Jahr hat die Bundesregierung also gebraucht, um mir und meinen anderen Mitmenschen Masken zur Verfügung zu stellen … gegen eine geringe Eigenbeteiligung, mit denen die Anwaltskosten beglichen werden müssen, die wegen den 58 Klagen, die sie wegen ihrer Maskenpolitik am Hals haben, auflaufen. Nichts beschreibt das Chaos besser, als dieser Brief.

Jetzt gibt’s nur ein ganz kleines Problem … ich brauche die Masken nicht. Ich habe nämlich schon welche. Hab ich mir selbst besorgt, gegen eine geringe Eigenbeteiligung. Deshalb ist es wohl besser, wenn ich die Masken wieder zurückschicke. Ich weiß nur nicht, wann der Bote wieder vorbeikommt. Ach, ich bring sie lieber selber.

Nachdem ich gerade 5 Minuten sinnierend auf meine Tastatur geschaut habe, manifestiert sich eine Feststellung in meinem Hirn: Das ist also die vorausschauende Schutzmaßnahme der Bundesregierung für Risikogruppen. Denn ich gehöre zur Risikogruppe, da ich letzten April 60 Jahre alt geworden bin. Vor allen Dingen bin ich eigentlich gar keine Risikogruppe. Ich bin zwar 60 Jahre alt, hab aber keine Angst vor Corona, weil ich gesund bin. Vielleicht hätte mich mal einer fragen sollen. Egal … ein Jahr hat die Bundesregierung benötigt, um der Risikogruppe Masken zur Verfügung zu stellen. In welchem Land ist das nochmal ähnlich desaströs verlaufen? Atlantis? Ach, ne, die sind schon untergegangen. Mit diesem Brief machen Sie sich wirklich komplett lächerlich. Und ich habe die Befürchtung, dass das noch nicht alles war, denn sie lassen sich ihre Maßnahmen von Lobbygruppen diktieren und der Angst um die eigene Pension, weil nämlich schon wieder Wahlkampf ist und weil sie nicht über den Tellerrand gucken können, um zu erkennen, dass es auch vernünftige Konzepte gibt. Als Pandora die, ihr von Zeus geschenkte Büchse unbedacht öffnete, entwichen die schlechten Angewohnheiten und die Untugenden in die Welt … und haben unsere Bundesregierung voll getroffen.

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