• Jupp Sauerland

Achtung! Singen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu

Lieder dieser Art enthalten Aerosole....

Ich bin Sänger der Gruppe Twersbraken. Die Betonung liegt auf Sänger, weil ich in den letzten Monaten mehrfach gedacht habe, dass mich der Gesang offenbar gefährlicher als ein Terrorkommando macht. Schon das einfache Singen von Liedern wie „Im Frühtau zu Berge wir zieh`n fallera“ wird spätestens beim „Fallera“ bedrohlicher als jeder in der Erde brodelnde Supervulkan. Wie konnte es dazu kommen?

Die Bühnen, auf denen ich gesungen habe, zähle ich schon lange nicht mehr. Doch seit einigen Monaten hat sich radikal etwas verändert, denn wie ich aus zahlreichen Medien gelernt habe, ist Singen mittlerweile gefährlich. Diverse Chorproben und Veranstaltungen wurden zu Superspreading-Ereignissen und das Singen in geschlossenen Räumen kann zu einer erhöhten Ansteckung mit Coronaviren führen. Zunächst habe ich mich der Schockstarre ergeben. Um Himmels Willen, sofortiges Einstellen jeglichen Gesangs! Im Frühjahr habe ich sogar die singenden Vögel aus den Bäumen vertrieben. Man weiß ja nie…

Seit März sind alle Auftritte meiner Band Twersbraken abgesagt worden und sämtliche Versuche, wieder auf die Bühne zu kommen, kläglich gescheitert. Künstler bemühten sich in den sozialen Medien mit Wohnzimmerkonzerten um Restaufmerksamkeit. Veranstaltungen hingegen gelten als potentielle Infektionsherde, und meine Stimme wurde zu einer Art Kalaschnikow, die im digitalen Waffenschrank à la Facebook und Co besser aufgehoben scheint. Schuld daran sind die Aerosole, habe ich gelernt.

Wie kann sich das Publikum dagegen schützen? Der zur Alltagsmaske umfunktionierte durchgeschnittene BH von Oma Tresken, besitzt medizinisch wahrscheinlich keine, kaum, vielleicht, manchmal doch und manchmal nicht, Evidenz, sagt die Wissenschaft. Das Tragen einer Maske für den Sänger ist aber ohnehin keine Option, nicht aus Rücksichtslosigkeit, sondern, weil es schlicht anatomisch und tontechnisch nicht funktioniert und auch der fitteste Sänger nach zwei Minuten kollabiert. Also, Schluss mit dem Singen. Das erinnert mich an diesen alten Schlager. Wie hieß der noch? Ach ja, wir lassen uns das Singen nicht verbieten... In dem Zusammenhang fällt mir auch eine andere Weisheit wieder ein. Wo man singt, da lass dich nieder, denn böse Menschen haben keine Lieder.

Vieles deutet darauf hin, dass ich als der Sänger unserer Band der Gefährlichste von uns bin. Wenn wir drei dann allerdings auch noch Chorgesang machen, wird aus der Kalaschnikow schnell eine Stalinorgel. Was also tun? Vielleicht sollten wir tatsächlich mit dem Singen mal Pause machen, bis Irgendwer, irgendetwas erfindet, das uns irgendwie weiterhilft. Einen Impfstoff, ein Medikament, einen Partikelfilter für den Rachen… Doch bislang sieht das nicht danach aus. Außerdem geht es doch „nur“ um`s Singen. Da muss man als Künstler auch mal solidarisch sein und sich sagen lassen: „Stellt euch nicht so an, dann singt ihr halt mal fünf oder zehn Jahre nicht.“

Seitdem jeder Auftritt einer Runde russischem Roulette gleichkommt, sind wir auf der Suche nach Alternativen. Wie können wir spielen und uns trotzdem verantwortungsbewusst verhalten? Kein leichtes Unterfangen Alternativen zu finden. Ich habe am Lagerfeuer und auf unzähligen Bühnen gesungen, in Bussen, auf Partys, in der Fußgängerzone und vor Möbelgeschäften, am Meer und im Wald, im Urlaub und im Park. Eines hatten alle Orte gemeinsam, immer waren Menschen da, die mir zugehört und oft auch mitgesungen haben.

Ich bin kein Professor. Dennoch wage ich an dieser Stelle mal eine These: Liegt die Gefahr der Ansteckung weniger im Singen, sondern mehr im Saufen? Dreißig Jahre Livegeschäft geben mir einen wagen Hinweis darauf, dass Menschen eher keinen Abstand halten, wenn sie sternhagelvoll sind. Nach über dreißig Jahren Livemusik kann ich da im wahrsten Sinne des Wortes ein Liedchen von singen, wenn ich denn noch dürfte.

Wo ich gerade so schön am Thesen aufstellen bin, mach ich gleich noch eine hinterher:

An der Grenze meines Grundstücks plätschert ein Bach, und wenn es regnet, wird es ein lauter Bach und macht manchmal so einen Krach, dass man denkt, da kommt ein Tsunami auf uns zu, und wir werden alle ertrinken. Meistens ist es aber nur ein sauerländischer Regenguss. Mir kam beim Plätschern des Baches der Verdacht, dass Ansteckungen vielleicht etwas mit Lautstärke zu tun haben könnten. Diese These kann ich sogar untermauern. „Interessanterweise war der Partikelausstoß nicht niedriger, wenn der Satz „Happy Birthday to you“ gesprochen statt gesungen wurde. Entscheidend war die Lautstärke. Singen und Sprechen produzierten in der Regel eine größere Menge an Aerosolen als einfaches Atmen ohne Intonation.(https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/115849/SARS-CoV-2-Singen-bei-gleicher-Lautstaerke-nicht-infektioeser-als-Sprechen ) Sprechen und Singen ist also gleich gefährlich? Und nun? Mein Vorschlag: Entweder halten Alle ab sofort die Schnauze, dann höre ich auch auf zu singen. Vielleicht sollten wir lieber das Schreien verbieten. Eltern dürfen ihre Kinder nicht mehr anschreien, Ehekrach wird verboten und im Bundestag ist Flüstern angesagt. Die Chinesen können ja derweil Schutzmasken mit eingebauten Schalldämpfern und integriertem Minimikrofon entwickeln. Wir werden eine Art flüsternde Gesellschaft, auch nicht schlecht. Sing ich halt leise…

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